„Tee als Wirtschaftsfaktor“ – Anmerkungen zum Jahresbericht des Deutschen Teeverbands

Es gibt Dinge, auf die ist Verlass. Dazu gehört auch der jährliche Bericht des Deutschen Teeverbands mit dem Titel "Tee als Wirtschaftsfaktor".

Wer gerne einen Blick über den Teeschalenrand auf Zahlen und Statistiken zum Teehandel und Teekonsum werfen möchte, findet im deutschen Sprachraum kaum bessere Lektüre.

Aber, es fallen jedes Jahr auch wieder ein paar Punkte auf, die man anders interpretieren kann...

Pro Kopf Verbrauch von Tee 2016

...zum Beispiel beim deutschen pro Kopf Verbrauch von Tee.

28 Liter Tee wurden im Jahr 2016 durchschnittlich pro Kopf in Deutschland getrunken, was den Teeverband erfreut:

“Teekonsum in Deutschland auch 2016 auf Rekordniveau”

“Im Durchschnitt hat jeder Bundesbürger somit 28 Liter Tee getrunken. Das ist so viel wie im Vorjahr, als diese historische Bestmarke erstmals erreicht wurde.”

Allerdings sollte man die Zahl im Zusammenhang sehen: 2016 hat jeder Deutsche im Durchschnitt 162 Liter Kaffee getrunken, also knapp 6x mehr als Tee. Beim Bier kommt der durchschnittliche Deutsche immerhin auf 104l. Anders ausgedrückt: Deutschland ist das Land der Bier- und Kaffetrinker.

Bei diesen 28l Tee sind zudem die Ostfriesen mit eingerechnet, die pro Kopf weltmeisterliche 300l Tee trinken, und damit den deutschen Durchschnitt nicht unerheblich verbessern. Ohne Ostfriesland sähe es also noch dunkler aus in Deutschland… 😉

Die Briten sind Europas Teenation Nr. 1. Sie trinken immerhin rund 200l pro Kopf und Jahr, die Iren rund 180l.

28l Tee pro Kopf und Jahr sind also mässig. Es soll Teefreunde geben, die diese Menge in 14 Tagen trinken.

Es gibt also jede Menge Luft nach oben beim deutschen Teeverbrauch.

Schwarzer Tee und grüner Tee

Schwarztee dominiert nach wie vor den deutschen Teemarkt, gefolgt von grünem Tee. Das Verhältnis ist 72% : 28%.

Als Grünteefreund mag man es bedauern, dass diese Teesorte etwas weniger Beachtung findet als noch 2015 (30%). Wenn man aber gleichzeitig auch Schwarzteetrinker ist, relativiert sich das Bedauern.

Unschön ist jedoch die Einteilung in lediglich zwei Teeklassen.

Zur Erinnerung: aus Camelia sinensis werden 6 Teesorten hergestellt.

1. Schwarzer Tee
2. Grüner Tee
3. Oolong
4. Weisser Tee
5. Gelber Tee
6. Pu-Erh

Rechnet man 72% und 28% zusammen, kommt man aber auf 100%. Vier Teesorten werden komplett ignoriert. Wenn man diese Teesorten nicht einzeln auflistet, weil sie nur in geringerem Umfang gekauft werden, sollte man zumindest die Bezeichnung “Weitere Tees” einführen.

Gerade im Bereich der Tees abseits vom Mainstream entwickelt sich eine neue Teekultur in Deutschland, was ja auch vom Teeverband erkannt wird:

“Teeliebhaber folgen dabei ganz offensichtlich einem Trend, den es bei Wein, Bier oder auch bei Schokolade schon länger gibt: der Suche nach dem Besonderen, dem Ausgefallenen, dem Naturprodukt – oder auch dem Luxusgut. Denn Tee wird heute hochwertiger denn je veredelt und präsentiert, erobert zunehmend das Premiumsegment.”

Gerade in diesem Bereich spielen aber auch Oolong, Weisstee, Pu-Erh und Gelbtee eine Rolle. Zur Förderung der Teeverkaufs sollte man diese Teesorten nicht einfach übergehen.

Ansonsten findet man aber natürlich viel Interessantes im Jahresbericht, und manches davon überrascht Teefreunde, so zum Beispiel bei den Teeanbauländern.

Die grössten Tee-Anbauländer

Die “Big Five” sind seit einigen Jahren die folgenden Länder:

1. China
2. Indien
3. Kenia
4. Srin Lanka (“Ceylon”)
5. Indonesien

80% des weltweit hergestellten Tees kommen aus diesen fünf Ländern!

China, Indien und “Ceylon” / Sri Lanka sind allgemein als Teeländer bekannt und daher keine Überraschung. Während China, das Mutterland aller Tees, überwiegend grünen Tee produziert, liefern Indien und Sri Lanka überwiegend schwarzen Tee.

Aussenstehende dürfte aber Kenia und Indonesien auf Platz 3 und 5 überraschen.

Kenia hat eine sehr junge Teegeschichte, die erst in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts beginnt. Es waren (wie in vielen anderen Ländern) Briten, die hier den Teeanbau aufbauten. Das feucht-warme Klima im Hauptanbaugebiet “Rift Valley” ist sehr gut für Tee geeignet, insbesondere für Camelia sinensis assamica. Kenia hat nur einen geringen eigenen Teeverbrauch, so dass der überwiegende Teil der Produktion in den Export geht. Sehr viele englische und irische Teemischungen enthalten diesen kräftigen afrikanischen Tee.

Indonesien, früher niederländisch Indien genannt, war sehr lange eine Kolonie der Niederlande. So überrascht es auch nicht, dass hier der Teeanbau durch "Holländer" eingeführt wurde. Ähnlich wie in Kenia, gedeihen auch hier im feucht-warmen Klima insbesondere Assamica-Teepflanzen. Die Hauptanbaugebiete liegen auf Java. Ein Teil der Jahresproduktion geht nach wie vor in die Niederlande. Ausserdem wird indonesischer Tee als Beimischung für den bekannten Ostfriesen Tee verwendet.

Die weltweite Teeproduktion hat sich in den vergangenen hundert Jahren verzehnfacht. Tee ist nach Wasser das beliebteste Getränk, und daran wird sich auch so schnell nichts ändern. Schön wäre es, wenn die Deutschen einen grösseren Beitrag dazu beisteuern würden... 😉

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